BarCamp-Foren bei der Conference Tour 2012- weiterbilden 2.0

 

Im Oktober  2012 fragte mich Frank Siepmann, ob es möglich sei BarCamp-ähnliche Rahmenbedingungen innerhalb der noch 4 bevorstehenden Conference-Tour Events „weiterbilden 2.0“ zu realisieren.

Anlass für die Frage war das CorporateLearningCamp von HESSENMETALL und FH Frankfurt, das Frank Siepmann  im September erlebt hatte. Diese Form selbstgesteuerten Lernens wollte er unbedingt auch die Weiterbildungs-Experten der Conference-Tour erleben lassen.

So sehr mich die Absicht freute, hatte ich Zweifel am Gelingen. Da sollten klassische Vorträge laufen und alternativ könne man sich für das sog. BarCamp-Forum entscheiden. Teilnehmer sind bei Vorträgen passiv konsumierend, und dann sollen sie blitzschnell in den Aktiv-Modus als selbst Beitragende umschalten? Das konnte ich mir nur schwer vorstellen, zumal auch nur eine Stunde Zeit dafür vorgesehen ist. Bei den vielen, meist zweitägigen BarCamps, achte ich sehr auf eine sorgfältige Einstimmung, weil die Bereitschaft zum aktiven Beitragen sehr vom Miteinander-Umgehen abhängt. Eine Einstimmung kann hier aber höchstens drei Minuten dauern.

Das waren meine Bedenken. Doch vielleicht sind die ja gar nicht nötig, und das Umschalten in den Aktiv-Modus ist für die Teilnehmenden gar kein Problem? Versuch macht klug: Ich gab die Zusage, bei jeder der kommenden Veranstaltungen den Rahmen für zwei BarCamp-Foren zu gestalten.  

Was sind BarCamps?

BarCamps sind Lernumgebungen, die gute Rahmenbedingungen für  informelles Lernen schaffen, so meine Definition. BarCamps gehören zu den sogenannten Un-Konferenzen, wie z.B. „Open Space“ oder „World Cafe“. Un-Konferenzen gehen davon aus, dass im Publikum viel mehr Expertise steckt, als ein Vortragender vermitteln könnte. Deshalb werden Rahmenbedingungen geschaffen, die den Austausch von Wissen unter den Teilnehmern fördern. Entstanden sind Un-Konferenzen aus der Beobachtung von Teilnehmern während und nach klassischen Konferenzen. Sie kennen das sicher auch: „Das Beste waren die Pausen“ sagen viele Teilnehmer danach. Was machen die Teilnehmer in den Pausen? Sie suchen sich die Gesprächsteilnehmer und die Gesprächsthemen selber aus. Genau das organisiert man in einem BarCamp.

Nehmen wir als Beispiel das CorporateLearningCamp: Mit dem Titel ist das Thema eingegrenzt, um das es gehen soll, hier Corporate Learning. Die Agenda entsteht erst morgens zu Beginn des Veranstaltungstages. Der Moderator gibt dazu folgende Aufforderung: „Wer heute eine Session gestalten möchte, der kommt bitte hier auf die Bühne und stellt die mit 3 Sätzen vor.“  Ein kurzer banger Moment für die Veranstalter – was, wenn jetzt keiner aufsteht? Die Erfahrung aus vielen BarCamps lehrt: Das gab es noch nie. Meist stehen erstaunlich viele auf – bis zu 50% der Teilnehmer.

So füllt sich das vorbereitete Tagesraster: Zu jeder Stunde finden parallel in mehreren Räumen Sessions statt. Teilnehmer wählen also jede Stunde erneut, welches Thema sie jetzt am meisten interessiert. Der Session-Ablauf ist ganz dem Session-Owner überlassen. Wissenschaftliche Vorträge sind ebenso möglich, wie Erfahrungsberichte oder Themen-Diskussionen. Die meisten Sessions starten allerdings mit einem kurzen Input und ziehen dann die Session-Teilnehmer als Experten in die Diskussion. Deshalb sind BarCamps sehr teilnehmeraktive Veranstaltungen. Und von außen betrachtet, wechseln die Rollen ständig: Mal ist man Lehrender, mal Lernender. Vielleicht ist das das Erfolgsrezept der BarCamps.

Was sind BarCamp-Foren?

Eine Wortschöpfung von Frank Siepmann, um klar zu machen, dass es sich hier nur um etwas BarCamp-Ähnliches handelt. Den Teilnehmern wurde morgens schon angekündigt, dass sie bei 2 Vortrags-Blöcken wählen können: Klassisch passiv lernen durch Zuhören – oder aktiv lernen in der Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen in den BarCamp-Foren. Maximal 20 Teilnehmer konnten teilnehmen.

Das Experiment gelang: Tatsächlich wagten sich zwischen 3 und 14 Teilnehmer in das persönliche Experiment der Teilnahme an diesem unbekannten Format. Die 60 bzw. 100 Minuten begannen wie bei BarCamps mit der Aufforderung  „Wer eine Session gestalten möchte, stelle die bitte in 3 Sätzen dar.“ Und fast immer kamen mehr Themen zusammen, als die Zeit zuließ. Als Zeitlimit hatten wir uns 15 Minuten für eine Session gesetzt. Nach der Sammlung sortierte eine kurze Bewertung durch die anwesenden Teilnehmer die Reihenfolge der Themen so, dass die am meisten interessierenden zuerst dran kamen.

Session-Gestalterinnen und -Gestalter nahmen den Moderatoren-Platz ein und hatten freie Hand für den weiteren Ablauf. Mein Moderator-Job wechselte auch, bis zum Ende der Session-Zeit war ich normaler Teilnehmer. Dann wieder kurz Moderator für den Wechsel zur nächsten Session usw.

Das hat immer sofort funktioniert, ob mit 3 oder mit 14 Teilnehmern. Als ob die Teilnehmenden nur darauf gewartet haben, sich aktiv einbringen zu können. Es brauchte keine große Einstimmung dazu, und auch die nur 15 Minuten je Thema brachten schon so viel interessante und teilweise überraschende Information, wie es wohl keiner vermutet hätte. Fast immer waren es intensive Diskussionen, die die Sessiongeber anregten. Jeder sprach spontan als Experte aus seiner Sicht. Aufwändige Folienpräsentationen wären eher weniger hilfreich gewesen.

Zusammenfassung der Erfahrungen mit den BarCamp-Foren:

Insgesamt haben 66 Teilnehmer an den BarCamp-Foren in den 4 Veranstaltungen teilgenommen. Die 66 Teilnehmer haben in der jeweils sehr kurzen Zeit insgesamt 42 Themen vorgeschlagen.

Davon konnten 19 Themen mit den Teilnehmern im jeweiligen BarCamp-Forum diskutiert werden.

Diskussionszeit etwa 15 Minuten je Thema.

 

Erkenntnisse:

Etwa 18% aller Teilnehmer der 4 Veranstaltungen (66 von etwa 360) hat das Ausprobieren dieses Selbstorganisations-Formats BarCamp-Forum offenbar gereizt. Die Themenfindung erfolgte ohne Probleme in den ersten Minuten des Zusammentreffens durch spontan eingebrachte Themenvorschläge der jeweils Teilnehmenden. Die Diskussionen liefen immer unter Beteiligung vieler Teilnehmender, meist recht lebhaft. Teilnehmer können offenbar schnell umschalten von passiv konsumierendem Zuhören im Plenum zu aktiv beitragendem Verhalten in den BarCamp Foren. Die 15 Minuten je Thema waren inhaltlich sehr ergiebig, trotz (oder wegen?) der kurzen Zeit. Teilnehmende äußerten, dass sie erstaunt seien, dass ihnen das so viel gebracht habe.

BarCamp-Forum auf der Conference Tour 2012 in Frankfurt am 22.11.2012. (Bildmitte: Karlheinz Pape)


Für mich als Moderator ist damit bewiesen, dass es ohne Probleme möglich ist, parallel zu klassischen Vortrags-Tracks auch selbstorganisierte teilnehmerzentrierte BarCamp-Tracks in einer Veranstaltung für Teilnehmer nutzbringend umzusetzen. Meine Vermutung, dass ein so schnelles Umschalten von konsumierender Erwartungshaltung zu aktivem Einbringen von Beiträgen nicht gelingen würde, ist damit widerlegt.

Und die Begeisterung der Teilnehmenden in den BarCamp-Foren macht Mut, den BarCamp-Anteil in klassischen Veranstaltungen auch deutlich auszuweiten. Umgekehrt könnte ich mir ganz vorsichtig auch BarCamps mit einem Vortrags-Track vorstellen – obwohl das dem BarCamp-Gedanken eigentlich widerspricht.

Zusammenstellung der Themen, die die Teilnehmenden in den BarCamp-Foren einbrachten

17.10.2012 in Hamburg:

Zwei BarCamp-Foren, parallel zu den Vorträgen von 11.20 – 12.20 Uhr und von 15.20 – 16.40 Uhr

Von den Teilnehmern wurden folgende Themen eingebracht (nur die fett gedruckten konnten nacheinander behandelt werden ):


1. Runde (4 Teilnehmer + Moderator und 4 Themen):


Kollaboratives, vernetztes Lernen in Fernlehr-
angebote einbinden?
Wieviel Innovation braucht oder verträgt die E-Learning Branche heute?
Welchen Stellenwert hat Text für Lernsettings heute?

Welche Methoden gibt es, um Erfahrungswissen auszutauschen?

2. Runde (5 Teilnehmer + Moderator und 6 Themen):

Hat jemand Tipps für Kunden-E-Learnings?
Wie kann man Lernende zum Nutzen von E-Learning-Angeboten motivieren?
Wie können „Lerner Services“ aussehen, wenn Wissensvermittlung nicht mehr nötig ist?
Wie kann man Qualität von Netz-Content erkennen?
Wie macht man Marketing für E-Learning-Formate?

14.11.2012 in München:

Zwei BarCamp-Foren, parallel zu den Vorträgen von 11.20 – 12.20 Uhr und von 15.20 – 16.40 Uhr

Von den Teilnehmern wurden folgende Themen eingebracht (nur die fett gedruckten konnten nacheinander behandelt werden):

1. Runde (9 Teilnehmer + Moderator und 4 Themen):

Lerner Services ohne Inhaltsvermittlung
Selbstorganisation- was hilft?
Selbstorganisierte Strukturen- warum
funktioniert es?
Hat Mobile Learning Zukunft?

2. Runde (9 Teilnehmer + Moderator und 5 Themen):

Lernen für gewerbliche
Zielgruppen, z.B. Berufskraftfahrer
Individualisierung von Lernen
User generated Content anregen
Videos als Lernvideos gestalten
Was gehört alles zu Seminarlogistik?

22.11.2012 in Frankfurt:

Zwei BarCamp-Foren, parallel zu den Vorträgen von 11.20 – 12.20 Uhr und von 15.20 – 16.40 Uhr

Von den Teilnehmern wurden folgende Themen eingebracht (nur die fett gedruckten konnten nacheinander behandelt werden):

1. Runde (14 Teilnehmer + Moderator und 6 Themen):

Wie motiviere ich zu E-Learning?
Erfahrungen mit Mobile Learning?
Wie erreicht man Mitarbeiter ohne digitalen Zugang?
Sollte Learning auch Coaching beinhalten?
Was ist Kompetenz?
Print und Online: Nutzen von Verlagen?

2. Runde (13 Teilnehmer + Moderator und 7 Themen):

Lerner Services ohne Inhaltsvermittlung
Was würde mit dieser Gesellschaft passieren, wenn Lernen nicht mehr organisiert wird?
Wie macht man eine technische Dokumentation zu einem attraktiven E-Learning?
Wie User generated Content anregen?
Einführung eines LMS (ILIAS)
Nötige Strukturen für Offenheit beim Lernen?
Fachlich sachliche vs. emotionale Vermittlung

27.11.2012 in Berlin:

Drei BarCamp-Foren, parallel zu den World-Cafés  von 13.45 – 15.00 Uhr und von 16.40 – 17.50 Uhr

Von den Teilnehmern wurden folgende Themen eingebracht (nur die fett gedruckten konnten nacheinander behandelt werden):

1. Runde (3 Teilnehmer + Moderator und 2 Themen):

MOOC-ähnliche Kurse auch für Unternehmen?
Wie motiviert man zu Online-Diskussionen?

2. Runde (4 Teilnehmer + Moderator und 4 Themen):

Lernen am Arbeitsplatz im Handel
Darf im Unternehmen gespielt werden?
Community Bildung für Weiterbildner?
Mobile Learning für Zeitungsausträger?

3. Runde (5 Teilnehmer + Moderator und 4 Themen):

Interner Wissenstransfer – Open Innovation
Darf Online-Bildung etwas kosten?
Employability ausprägen?
Zukunft des Lernens - Barrieren überwinden

 

Ausblick

In 2013 wird es sogar 8 ähnliche Veranstaltungen des eLearning Journals geben: eLearning SUMMIT Tour 2013 wieder mit BarCamp-Foren als integriertem Bestandteil.

Das CorporateLearningCamp von HESSENMETALL, ein echtes BarCamp für alle Corporate Learning Professionals, wird am 27./28. September in Frankfurt stattfinden. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Anmeldung wird im April freigeschaltet. Registrieren Sie sich schon jetzt auf dieser Plattform colearncamp.hessenmetall.de, dann werden Sie automatisch benachrichtigt.

 

 

DER AUTOR

Karlheinz Pape

Karlheinz Pape ist Organisator des CorporateLearningCamps von HESSENMETALL (http://colearncamp.hessenmetall.de) des KnowledgeCamps der Gesellschaft für Wissensmanagement (http://knowledgecamp.mixxt.org) und Mitglied des EduCamp e.V., dem Veranstalter der EduCamps (http://educamp.mixxt.de).

KONTAKT

Karlheinz Pape

Karlheinz.pape@web.de
http://khpape.wordpress.com


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