Workplace Learning – Trendthema oder längst im Alltag angekommen?

Wann und wo lernen Mitarbeiter wirklich? Basierend auf dieser Frage hat sich immer stärker die Erkenntnis durchgesetzt, dass der größte Anteil des betrieblichen Lernens in Wirklichkeit am Arbeitsplatz und nicht etwa im Seminarraum stattfindet. Welchen Stellenwert dieses Trendthema deshalb zukünftig für die Bildung in Unternehmen hat und wie sich das Thema in der Praxis umsetzen lässt, erklärt Franziska Roth von der Know How! AG in unserem Interview.?

eLearning Journal: Zum Start zunächst eine Begriffsdefinition: Was zählt Ihrer Ansicht nach zu „Workplace Learning“? Nur formales Training wie z.B. ein WBT oder auch schon der schnelle Blick auf YouTube?

Franziska Roth: Zum Worplace Learning zählen eigentlich alle Maßnahmen, die zur Weiterbildung am Arbeitsplatz beitragen. Nur 10 % des Lernens werden durch formales Training wie Seminare und Web Based Trainings abgebildet. Das eigentliche Lernen passiert ganz anders. 20% lernen wir von anderen und 70% selbständig - nämlich dann, wenn wir Wissen anwenden müssen, wenn sich etwas ändert oder ein Pro-blem auftritt.

Häufig lösen wir diese Situation mit „googeln“ und YouTube. Also: Der schnelle Blick auf YouTube ist definitiv „Workplace Learning“.

eLearning Journal: In der eLearning BENCHMARKING Studie 2015 gaben 76,5 % der befragten Teilnehmer an, dass in ihrem Unternehmen das Lernen am Arbeitsplatz unterstützt wird. Deckt sich dieser hohe Wert mit Ihren Erfahrungen?

Franziska Roth: Web Based Trainings und Webinare sind Formate, mit denen natürlich am Arbeitsplatz gelernt werden kann. Dadurch, dass diese Formate immer mehr in Unternehmen Verbreitung finden, kann ich dieser Aussage zustimmen. Allerdings sind diese Formate immer noch aus dem eigentlichen Arbeitsalltag isoliert. Hier stellt sich die Frage, wie man das verbessern und Lernen tatsächlich an den Point of Doing bringen kann. Hier zeigt die Erfahrung, dass einige Unternehmen, die gerade erst E-Learning eingeführt haben, doch noch sehr am Anfang stehen.

eLearning Journal: Im Kontext von Workplace Learning fällt auch schnell die Formel „70:20:10“ und die Bedeutung von informellem Lernen. Wie hängen Workplace Learning und informelles Lernen zusammen und was macht die beiden Themen für Unternehmen so interessant?

Franziska Roth: Wie bereits erwähnt findet ein großer Teil des Lernens direkt während der eigentlichen Arbeit statt. Interessant wird es für Unternehmen hier insofern, dass es bisher wenig Formate gab, die dieses informelle, selbstgesteuerte Lernen unterstützen. Finden Unternehmen jetzt eine Möglichkeit, viele Lernthemen in diese Phase auszulagern, können Sie nicht nur ihre Mitarbeiter besser unterstützen. Sie können viel mehr hohe Kostenersparnisse realisieren.

eLearning Journal: Unternehmen tun sich oftmals schwer darin, die Vorteile von informellem Lernen nutzbar zu machen. Wie kann informelles Lernen Ihrer Erfahrung nach erfolgsbringend in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden?

Franziska Roth: Wird die formale Lernphase verkürzt, da hier nur noch das absolut Notwendigste vermittelt wird, ist der Produktivitätsausfall der Mitarbeiter geringer. Zudem können Schulungskosten reduziert werden.

Wichtig ist hier die Methodik. Welche Lerninhalte gehören in welche Phase? Das kann mit einer Task Analysis ermittelt werden.

Während formelles Lernen neues Wissen vermitteln kann, kann Performance Support anschließend beim praktischen Umsetzen unterstützen und das gelernte Wissen so dauerhaft verankern.
Die 70:20:10-Formel macht deutlich, wie bedeutsam die Rolle von informellem Lernen und der Austausch zwischen Kollegen für den Lernprozess ist.

Anhand dieser von Conrad Gottfredson und Bob Mosher entwickelten Methode können gezielt Lerninhalte verschiedenen Aufgaben und Lernphasen zugeordnet werden. So entsteht ein solider Plan, wann, was, wieviel und wie gelernt wird. Jede Phase, auch die des informellen Lernens, wird so optimal genutzt.eLearning Journal: Neben dem reinen Lernen am Arbeitsplatz gibt es auch den Ansatz des Performance Supports, bei dem Mitarbeiter bei einem Problem, dem sogenannten „Moment of Need“, mit bedarfsgerechten Hilfestellungen direkt im Arbeitsprozess unterstützt werden sollen. Welche Vorteile verspricht das Thema Performance Support für Unternehmen?

Franziska Roth: Durch gezielten Einsatz von Performance Support kann das Lernen in der informellen Phase nicht nur unterstützt werden und somit Schulungskosten reduziert werden. Es hilft auch, den Supportaufwand erheblich zu reduzieren und die Fehlerquote zu verringern.

eLearning Journal: Was muss Ihrer Erfahrung nach beim Aufbau eines Performance Support-Systems beachtet werden, damit es die Mitarbeiter im Alltag auch wirklich während der Arbeit unterstützen kann?

Franziska Roth: Es ist wichtig, dass die Information gut in den Arbeitsalltag integriert wird. Ähnlich zu YouTube, Google und Co. muss das Wissen innerhalb weniger Klicks erreichbar sein. Dazu ist es oft nicht notwendig, ein extra System einzuführen. Guter Performance Support kann auch mit einfachen „Board“-Mitteln unterstützt werden, wie z.B. das Intranet oder ein Collaboration Software.

Wichtig ist, dass die Inhalte bedarfsgerecht aufbereitet sind und der Mitarbeiter nicht lange suchen muss.

eLearning Journal: Als einer der großen deutschen eLearning-Anbieter sind Workplace Learning und Performance Support auch für die Know How! AG relevant. Welche Erfahrungen konnten Sie in diesen beiden Themenfeldern bereits sammeln und wie werden diese Themen bei der Know How! AG konkret umgesetzt?

Franziska Roth: Workplace Learning ist ein Trendthema, Performance Support ein Buzz Word, das nicht in allen Unternehmen auf Akzeptanz stößt.

Viele Unternehmen sind erschreckt, wenn Sie Performance Support-Theorien hören, die ihnen erzählen, dass alles, was sie bisher zur Mitarbeiterqualifizierung getan haben, schlecht war, weil das wahre Lernen nur noch am Arbeitsplatz stattfinden soll.

Zu dem kommt, dass einige Unternehmen bereits große Systeme für PS im Einsatz haben, die aber aus mangelnder Kommunikation oder schlechter Usability nicht genutzt werden. Hier stößt man mit Performance Support-Theorien auf wenig Gegenliebe.

Viele Unternehmen haben bereits PS im Einsatz, mit guten Intranet- oder Collaboration-Tools, sehen diese Lösungen aber nicht als 70 %-Lernlösung.

Aus unserer Sicht ist es wichtig, ein für das Unternehmen bedarfsgerechtes, gesamtes Enabling-Konzept zu schneidern. Wir haben in unserem Portfolio auch eine Auswahl unterschiedlicher Tools. Das Zusammenspiel und der Einsatz ist hier aber entscheidend. Unser Fokus liegt darauf, den Kunden hier optimal zu beraten, seine Tools zu wählen und mit ihm das für seine Bedürfnisse optimale Konzept zu entwerfen.

eLearning Journal: Vielen Dank für das Gespräch.

KONTAKT

Know How! AG

Ansprechpartner
Franziska Roth
Produktmanagerin

Magellanstraße 1
D-70771 Leinfelden-Echterdingen
Tel.: +49 (0) 711 / 7 80 59 22

franziska.roth(at)knowhow.de
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