Micro Learning – ist weniger mehr in der betrieblichen Bildung?

Menschen haben mittlerweile eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als Goldfische. Mit dieser zentralen Erkenntnis machte 2015 eine Studie von Microsoft Canada auf sich aufmerksam, wonach die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden in 2013 gesunken sei und damit bereits eine Sekunde unter der von Goldfischen liegen würde.

Die Studie mit dem Titel „Attention spans“ lieferte auch gleich die potentiellen Gründe mit, welche die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen negativ beeinflussen. Demnach sind die vier bedeutendsten Faktoren der digitale Medienkonsum, die Nutzung mehrerer Bildschirme, Social Media sowie die frühe Annahme neuer Technologien. Je öfter und länger also eine Person im Internet surft oder je umfangreicher jemand soziale Medien nutzt, desto schwieriger wird es, sich längerfristig auf eine Aufgabe oder Tätigkeit zu fokussieren.

Gleichzeitig ist die Halbwertszeit von Wissen und Kompetenzen, wie die Studie „Human Capital Trends Switzerland 2014“ feststellte, mittlerweile auf 2,5 Jahre bis 5 Jahre gesunken. Damit ist auch der Bedarf an Weiterbildung in Unternehmen auf einem Allzeithoch angekommen, mit der Tendenz, dass die Halbwertszeit weiter sinken und damit der Schulungsbedarf noch weiter steigen könnte.

Für Unternehmen bedeutet dies, überspitzt gesagt, auf der einen Seite also, dass die Belegschaft immer umfangreicher und intensiver geschult werden muss, um mit immer kürzeren Innovationszyklen, neue Technologien und dem immer schneller anwachsenden Berg von neuem Wissen Herr zu werden, während gleichzeitig die Aufmerksamkeitsspanne der Mitarbeiter, und damit verbunden die Fähigkeit sich auf Schulungsmaßnahmen zu konzentrieren, immer kürzer wird. Doch wie können Unternehmen diesem Dilemma begegnen? Eine potentielle Antwort ist der Trend des Micro Learnings (oft auch Lernnuggets genannt). Wie der Name bereits vermuten lässt, dreht sich bei diesem Ansatz alles um eine möglichst kurze Vermittlung von Lerninhalten. Dabei handelt es sich um Lernhappen, die in der Regel nur eine Bearbeitungs- oder Laufzeit von wenigen Minuten haben und in denen typischerweise ein Thema (z. B. eine bestimmte Funktion in einem Programm) möglichst kompakt thematisiert und erklärt wird.

Der Trend, Lerninhalte auf die wichtigsten Informationen zu reduzieren und in wenigen Minuten den Lernern zu vermitteln, hat gleich mehrere Vorteile. Micro Learning trägt der Realität Rechnung, in der es für Mitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag immer schwieriger wird, sich für einen längeren eLearning-Kurs mit einer Bearbeitungszeit von einer Stunde oder mehr auszuklinken, ohne dabei von einer E-Mail, einem Telefonanruf, einem Kollegen, einer WhatsApp-Nachricht etc. unterbrochen und damit aus dem Lernprozess gerissen zu werden. Gleichzeitig nehmen mobile Endgeräte auch im Beruf eine immer zentralere Rolle ein, weshalb Lerneinheiten immer öfter neben dem PC auch mit dem Smartphone kompatibel sein müssen (siehe Trend Mobile Learning). Micro Learning-Einheiten sind sowohl bei der Länge als auch bei der Verdichtung der Informationen optimal für eine mobile Nutzung geeignet, z. B. wenn ein Mitarbeiter eben im Taxi auf dem Weg zum Kunden noch 10 Minuten eine Produktschulung anschauen will. Auf den ersten Blick spricht also vieles für den Einsatz von Micro Learning in der betrieblichen Bildung. Doch wie verbreitet ist der Ansatz in den deutschsprachigen Unternehmen wirklich?

Micro Learning ist im praktischen Einsatz etwa so sehr verbreitet wie das Thema Mobile Learning. Da Micro Learning-Einheiten insbesondere für mobile Endgeräte geeignet sind, könnten die Verbreitung von Micro Learning der von Mobile Learning folgen.
Auch in den kommenden Jahren scheint sich das Thema Micro Learning nur langsam zu entwickeln. Allerdings hat sich der Wert im Vergleich zur Vorjahresstudie von 28,9 % auf 34,5 % stärker erhöht, als es bei den anderen Trends der Fall war.

Kurze Lerneinheiten haben noch einen langen Weg vor sich

Im Rahmen der eLearning BENCHMARKING Studie 2016 wurden die Studienteilnehmer unter anderem nach ihrem aktuellen Einsatz von Micro Learning in ihrem formalen Training befragt. Insgesamt ergibt sich aus den Ergebnissen für das Thema ein ernüchterndes Bild, denn mit 52,5 % gab knapp mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen an, dass Micro Learning noch nicht genutzt wird. Auch in den Unternehmen, in denen die kurzen Lern-einheiten bereits Verwendung finden, ist deren Einsatz hauptsächlich selten (23,2%) oder gelegentlich (14,4 %). Damit sind die Unternehmen, in denen Micro Learning regelmäßig in der betrieblichen Bildung genutzt wird, mit 9,9 % (Antwortmöglichkeiten „oft“ und „sehr oft) noch eine klare Minderheit.

Interessant ist in diesem Kontext, wie konstant die Verbreitung von Micro Learning über die letzten 3 Jahre geblieben ist. Bereits in der eLearning BENCHMARKING Studie 2014 wurde der Einsatz von Micro Learning abgefragt. Das Ergebnis? 54,1 % der befragten Unternehmen gab damals an, noch kein Micro Learning einzusetzen. Auch die anderen Werte bei den Antworten selten (23,6 %), gelegentlich (12,6 %) sowie 9,7 % (oft oder sehr oft) sind im Vergleich von 2014 und 2016 nahezu gleich geblieben. Diese Stagnation könnte sich allerdings bald passé sein. Auf die Frage, welche Lernmethoden zukünftig eine größere Rolle spielen werden, haben in der eLearning BENCHMARKING Studie 2016 34,5 % der befragten Unternehmen Micro Learning angegeben, immerhin eine Steigerung von 5,6 % im Vergleich zur eLearning BENCHMARKING Studie 2015 (damals 28,9 %). Gleichzeitig wird in den kommenden Jahren vermutlich auch die Verbreitung von Mobile Learning weiter zunehmen (45,9 % Nennungen), was im Gegenzug auch dem Thema Micro Learning zugute kommen sollte, schließlich sind die kurzen Lerneinheiten allen voran für den Einsatz auf mobilen Endgeräten optimal.

Prognose

Der moderne Arbeitsalltag ist für viele Menschen von Unterbrechungen gekennzeichnet. Wie eine Studie der University of California-Irvine herausfand, werden Mitarbeiter etwa alle 11 Minuten durch eine E-Mail, ein Telefonat, durch einen Kollegen und ähnliche Störungen während einer Tätigkeit auf der Arbeit unterbrochen. Mit einer immer stärkeren Vernetzung und immer besseren Kommunikationsmöglichkeiten dürfte es zukünftig noch schwieriger werden, in längeren Zeitabschnitten ohne eine Unterbrechung zu arbeiten oder zu lernen. Aufmerksamkeit wird damit zunehmend zu einer wichtigen Ressource. Vor diesem Hintergrund könnte das Thema Micro Learning in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen. Kurze Lerneinheiten lassen sich deutlich einfacher in den modernen und hektischen Arbeitsalltag integrieren und Kurse mit einer Bearbeitungszeit von 30 Minuten, einer Stunde und länger dürften zukünftig immer unrealistischer werden. Der fortlaufende Ausbau von Mobile Learning-Infrastrukturen in Unternehmen dürfte den Bedarf an Micro Learning-Einheiten ebenfalls steigern. Insgesamt spricht also vieles dafür, dass Micro Learning in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen sollte.


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