Wertschöpfung und immaterielle Vermögenswerte

Donnerstag, 27.07.2017

Der Artikel ist ein Teil der Essay-Sammlung, verfasst von 11 weiteren Vordenkern der CrossKnowledge Faculty (vollständige Lektüre hier kostenlos)

Der Unternehmenswert von Airbnb, das nicht einen einzigen Quadratmeter Immobilien besitzt, wird auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt. Dies ist mehr als der Unternehmenswert der Hotelketten Hyatt und Marriott zusammengenommen und das Zweieinhalbfache des Unternehmenswerts der Gruppe AccorHotels. Im Januar 2017 war Facebook 385 Milliarden US-Dollar wert, was mehr als das Dreifache des Unternehmenswerts von Total und das Siebenfache des Airbus-Unternehmenswerts ist.

Die Spitzenposition bei der Marktkapitalisierung hält mit 560 Milliarden US-Dollar derzeit Google. Uber ist die größte Taxigesellschaft der Welt — und das, ohne auch nur ein einziges Fahrzeug zu besitzen. Uber ist mit 62 Milliarden US-Dollar bewertet, was der zweieinhalbfachen Marktkapitalisierung von Renault entspricht. Microsoft hat 25 Milliarden US-Dollar für das weltweit führende professionelle Netzwerk LinkedIn ausgegeben. Und der Online-Videoabonnementdienst Netflix ist mit einer Unternehmensbewertung von 60 Mia. US-Dollar ein größeres Schwergewicht als Kellogg‘s, die Campbell Soup Company und der Schokoladenhersteller Lindt zusammen. Das Unternehmen Snap, dem die Snapchat-App gehört (Fotos, die nach einer gewissen Zeit wieder gelöscht werden), wird mit 25 Mia. US-Dollar ähnlich hoch bewertet wie Saint-Gobain, Essilor und Vivendi und deutlich höher als Michelin, Carrefour und Publicis.

Ich könnte diese Liste noch seitenlang fortsetzen, aber die Botschaft dürfte klar sein: Die größten Werte entstehen heute nicht mehr bei den Unternehmen, die über materielle oder finanzielle Vermögenswerte verfügen, sondern bei denjenigen, die immaterielle Werte am besten verwalten. Dabei kann es sich um so unterschiedliches immaterielles Vermögen wie Software, Patente, geistiges Eigentum, Urheberrechte, Kundendaten, Marken oder Humankapital handeln. Solche immateriellen Werte machen heute etwa 85 Prozent der Bewertung der im Standard-&-Poor‘s-Index vertretenen Unternehmen aus. Im Vergleich dazu: 1975 waren es laut dem US-amerikanischen Experten für geistiges Eigentum Ocean Tomo noch weniger als 20 Prozent. Die neuen Meister der Wertschöpfung verlassen sich also nicht länger auf materielle Werte wie Fabriken, Ausrüstung oder Immobilien, sondern nutzen die Überkapazitäten der sonstigen Wirtschaftsakteure.

In einer 2015 vom Wirtschaftsprüferverband CGMA veröffentlichten und von Oracle finanzierten Studie wurde der Schwerpunkt auf die Messung und Verwaltung der neuen Kennzahlen in der Ära des digitalen Finanzwesens gelegt. Die Studie basierte auf einer Stichprobe von 744 Seniorführungskräften aus 34 verschiedenen Ländern, die die Industrie, das Finanzwesen und die oberste Führungsebene vertraten.

Es ergaben sich die derzeit wichtigsten fünf Wertschöpfungshebel:

  1. Kundenzufriedenheit
  2. Qualität der Geschäftsprozesse
  3. Kundenbeziehungen
  4. Humankapital
  5. Markenimage

Diese Hebel haben relativ wenig mit den traditionellen Wertgenerierungsfaktoren zu tun. Letztere sind zwar immer noch gültig, haben aber viel von ihrer Vormachtstellung eingebüßt. Von dieser Veränderung sind alle Wirtschaftssektoren betroffen. Die traditionellen Managementmodelle gelten nicht mehr, und es werden widersprüchliche Daten im Überfluss generiert (häufig ohne jeglichen Informationswert und ohne Analysen).

Die Finanzvorstände müssen innovative Technologien fördern, damit die Finanzfunktion das vom Marketing, Vertrieb und den anderen Kundenschnittstellen vorgelegte Tempo mithalten kann. Denn in den genannten Bereichen wird massiv in Digitaltechnologie investiert, um wertvolle Daten über immaterielle Werte sammeln zu können. Hierzu äussert sich das Beratungsunternehmen McKinsey: „Um die Sektoren mit „wenig materiellem Vermögen und vielen Ideen“ bewerten zu können, muss die Finanzfunktion ihre Fähigkeiten erweitern und neue Leistungsindikatoren entwickeln.“

Finanzvorstände setzen sich seit Langem für professionelle Integrität, Datenanalyseexpertise, bewährte Zusammenarbeit mit Data Scientists und für eine globale Geschäftsvision ein, die alle Beteiligten umfasst. Bei der fachübergreifenden Zusammenarbeit muss die Finanzfunktion daher eine grundlegende Rolle übernehmen und sowohl die Daten als auch die Messmethoden für die Einflussfaktoren auf die Entstehung immaterieller Werte liefern. Dieser neue Ansatz in der Finanzfunktion wird natürlich kein Zuckerschlecken sein.


Autor des Artikels: Marc Bertonèche 

Der Artikel ist ein Teil der Essay-Sammlung, verfasst von 11 weiteren Vordenkern der CrossKnowledge Faculty. Laden Sie die vollständige Publikation auf der CrossKnowledge-Webseite herunter.

Kontakt: Estelle Milo
Email: Estelle.milo(at)crossknowledge.com


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